Samstag, 6. Oktober 2018

Moin zusammen,
Ich sitze gerade vor meinem Zelt und um mich herum ist es stockdunkel. Das einzige was ich sehe ist das leuchtende Display vor und ein wunderbar klarer Sternenhimmel über mir ( es ist 06:45 Uhr) . Hab die Zeit genutzt um erstmal die drei neuen Spam Kommentare zu löschen und Alex Kommentar zum Donnerstag Eintrag freizugeben. Besten Dank nochmal.
Doch vielleicht zunächst nochmal ein kleiner Nachtrag zu gestern. Da ich ja gestern recht früh mein Nachtlager aufgeschlagen habe, hatte der Schmutz außen an meinem Zelt anscheinend genug Zeit zu trocknen und so konnte man ihn recht einfach herunterklopfen. Und auch die Feuchtigkeit in meinem Zelt konnte ich durch die Verwendung einiger Grasbüschel und ein wenig Wartezeit nahezu restlos loswerden. War eine wirklich schöne Nacht inklusive des (wie ich vermute) röhrenden Hirsches, welcher wohl so in etwa ein paar hundert Meter von mir entfernt sein Nachtlager hat. Ansonsten alles bestens. Mein Zelt ist wieder halbwegs sauber (von außen) und nahezu vollständig trocken (von innen). Ein guter Start in den neuen Tag und ins Wochenende. Jetzt warte ich erstmal bis ich wieder etwas mehr sehe, mache mich dann an den Abbau meines Lagers und dann wollen wir mal sehen wie weit wir heute kommen. Malmedy wäre nicht schlecht, alles darüber hinaus (St. Vith, Luxemburg) wäre optimal.
Nicht zu vergessen, unterwegs immer mal die Augen aufhalten und schauen ob sich nicht irgendwie Geld verdienen lässt. Meine Idee ist es zunächst mal, wenn ich wieder in einer etwas größeren Stadt bin, mich dort an einen belebten Platz zu setzen und ein Pappschild mit der Aufschrift – Arbeit, couchsurfing, unterstützen ( Spende) und der Adresse dieses Blogs vor mir aufzustellen und einfach mal ein paar Stunden zu warten. Wollen mal sehen, heute Abend dann mehr.
So, ist zwar noch nicht Abend, noch nicht mal Mittag aber ich bin schon in Malmedy angekommen. Jetzt haben wir es 10:48 Uhr und ich bin seit etwa einer Stunde hier. Habe mir erstmal zwei sehr leckere und guttuende Kaffee gegönnt, dann noch eins der leckersten pain au chocolat (Schokobrötchen) die ich je gegessen habe, und dann noch einen Liter Wasser und ein kleines Päckchen Kakao aus dem Supermarkt. Als mein Frühstück dann beendet war habe ich an einem recht belebten Platz im Zentrum bei den umliegenden Kaffees und Hotels nach Arbeit gefragt. Leider jedoch ohne Erfolg. Entweder zu viel Papierkram für ein paar Tage, oder aber sie waren schon gut besetzt. Noch dazu haben wir ja auch nicht gerade Hochsaison und in den Kaffees ist auch wirklich nicht besonders viel los.
Als Alternative habe ich mir jetzt erstmal ein Schild gemalt mit der Aufschrift – travail, couchsurfing (canapé-surf). Ja genau, hier wird wieder französisch gesprochen. Gute Möglichkeit mein französisch wieder etwas aufzufrischen. Bisher lief eigentlich alles gut, jetzt muss nur noch das mit der Arbeit klappen. Sollte dies nicht der Fall sein, werde ich mich wohl so gegen spätestens 13:00 oder 14:00 Uhr auf die Weiterreise Richtung St. Vith machen und dann dort ( ab morgen mein Glück versuchen).
Wie geil, hatte das Handy zwar gerade schon wieder ausgeschaltet, aber hierfür dann doch gleich nochmal angemacht. Das muss ich einfach gleich aufschreiben. Einer der Gastronomen/Hoteliers, bei welchem ich gerade nach einem Job gefragt habe, kam soeben mit einer Brötchentüte mit einem Schokobrötchen und einem Croissant, sowie einem herrlichen Kaffee zu mir und gab sie mir. Es tat ihm so leid das er mir nichts anbieten konnte und ich sollte mein Glück doch besser in Cafés oder noch besser Restaurants versuchen. Werde den Tipp in Zukunft ggf. beherzigen. Doch zunächst mal werde ich mein Glück noch weiter hier am Platz versuchen. Wer weiß? Jetzt genieße ich erstmal mein zweites Frühstück und dann mal schauen was sich so ergibt. Aber das musste ich auf jeden Fall erstmal aufschreiben. Für alle die’s interessiert, der nette Mann kam aus dem Restaurant/Café Le Bistrot in Malmedy, ziemlich im Zentrum, am Obelisken (L’obelisque).
Habe nicht mehr ganz eine Stunde gewartet. Zwar war alles wirklich schön hier, doch schließlich bin ich nicht hier um mir die Stadt anzuschauen, sondern um etwas von Europa und seinen Menschen zu sehen. Also mache ich mich auf in Richtung St. Vith. Alle Leute die ich nach dem Weg frage, sehen mich beinahe schon mitleidig an und sagen mir wie weit das denn noch sei und heutzutage würde einen ja auch eh niemand mehr mitnehmen. Wenn die wüssten. Ich schultere meinen Rucksack und mache mich auf in die Richtung welche mir genannt wurde. Kurz nach dem Ortsausgang nehme ich wieder mein Pappschild und stelle mich an den Straßenrand. Es vergeht keine viertel Stunde und eine nette ältere Dame mit einem sehr kleinen Auto hält an. Noch während ich zu ihr hinlaufe räumt sie den Beifahrersitz um mir Platz zu machen. Sie sagt sie führe zu einem Treffen mit einer alten Freundin und würde sich freuen mich ein Stück mitzunehmen. Unterwegs unterhalten wir uns über dies und das, nichts besonderes. Smalltalk halt.
Um ziemlich genau fünf nach eins waren wir dann auch in St. Vith. Wir verabschiedeten uns, sie wünschte mir noch viel Erfolg auf meiner Reise und ich ihr einen schönen Tag mit ihrer Freundin. Da war ich also. Gerade mal ein Uhr und schon in St. Vith. Mein Glück als Anhalter schien offenbar von Dauer zu sein. Da es gerade so gut lief, versuchte ich nochmals, in den umliegenden Hotels und Cafés mein Glück mit der Arbeitssuche. Doch irgendwie war da der Wurm drin. Das gleiche Lied wie schon zuvor in Malmedy. Entweder waren sie schon ausreichend besetzt, oder es gab nicht wirklich etwas zu tun, oder aber, ihnen war der bevorstehende Papierkram schlicht und ergreifend zu viel für ein paar Tage. Hört / lest ihr das liebe Politiker? Egal welcher Nation? Wie wär‘s denn wenn ihr die Leute erstmal einfach machen lasst, und wenn es dann doch länger dauert oder aber erfolgreicher wird als erwartet, kann man ja immer noch schauen, was für Papiere wir denn jetzt unbedingt alle ausfüllen müssen.
Wie dem auch sei, da ich mir mittlerweile ziemlich sicher war, das ich hier in der Stadt wohl auch wieder nichts finden würde, machte ich mich auf die Weiterreise in Richtung Luxemburg. Unterwegs, es war wirklich eine sehr schöne ländliche Gegend, kam mir der Gedanke, dass ich es doch vielleicht auch mal auf einem der an der Straße liegenden Höfe versuchen könnte. Zunächst versuchte ich es direkt hinter St. Vith, bei einem Mann der offensichtlich dabei war einige Äste von seiner Weide zu räumen. Ich fragte ihn ob er vielleicht noch etwas Hilfe gebrauchen könnte, doch er lehnte dankend ab. Nun ja, das war dann wohl nichts. Als nächstes fragte ich eine schon etwas in die Jahre gekommene Frau, welche gerade dabei war den Eingang zum Hof zu kehren/wischen. Doch wieder nichts. Ich ließ mich durch die kleinen Startschwierigkeiten jedoch nicht abhalten. Ein paar hundert Meter weiter entdeckte ich ein Schild welches einen Hof ankündigte. Ich weiß nicht wieso, doch irgendwie hatte ich ein gutes Gefühl bei der Sache. Schon als ich gerade einmal die ersten hundert Meter zurückgelegt hatte, sah ich eine Frau und einen Mann welche gerade dabei waren, einige Kühe auf die Weide auf der anderen Straßenseite zu führen.
Ich ging zur Weide bis an das schon wieder verschlossene Gatter und machte mit einem freundlichen „Hallo, guten Tag“. Auf mich aufmerksam. Die Frau, nennen wir sie Anke, kam auf mich zu und ich erzählte ihr wer ich bin, was ich vorhatte und das ich gerade auf der Suche nach einem Job sei. Sie rief ihren Mann dazu und ich erzählte ihm dieselbe Geschichte noch einmal. Die beiden sahen sich kurz an und dann sagte die Frau, daß es bei ihnen gerade zwar nichts zu tun gäbe, aber sie könnte mal einen Bekannten anrufen und den fragen, da dieser einen etwas größeren Hof hatte. Ich nahm dankend an und wir gingen zusammen über die Straße zu ihrem Haus. Drinnen wartete schon sehnsüchtig ein Riese von einem Hund auf die Wiederkehr seines Frauchens. Anke fragte mich kurz ob ich Angst vor Hunden hätte bevor sie die Tür öffnete. Ich entgegnete das ich Hunde auch sehr liebe und sie schloss die Tür auf. Der Hund kam sofort auf mich zu gelaufen und nachdem ich ihn ein wenig gekrault und ihm gut zugeredet hatte, hätte er mich wie es aussah am liebsten gar nicht mehr weggelassen. Anke bot mir ein Glas Wasser und einen Platz an und während sie mit ihrem Bekannten telefonierte war ich erstmal zum persönlichen Masseur des Hundes geworden. Ein paar Minunten später teilte Anke mir mit das ihr Bekannter evtl etwas für mich zu tun hätte. Er war gerade bei der Kartoffelernte und ich könnte ruhig vorbeikommen und mithelfen. Anke bot mir an mich dorthin zu fahren und keine viertel Stunde später trafen wir auch schon dort ein.
Dort waren bereits drei Männer, eine Frau und dazu zwei Kinder mit der Ernte befasst. Es war ein kleines Feld und so wurden die Kartoffeln, wie man mir sagte, noch so wie vor vierzig Jahren mit der Hand geerntet. Ich lud meine Rucksack aus Ankes Auto und machte mich gleich mit dran. Sepp, einer der drei Männer fragte ob ich so etwas schon mal gemacht hatte. Ich verneinte und gab hinzu das ich aber gerne lernen würde wie es geht. Er nahm eine der Kartoffeln vom Boden auf, zeigte sie mir und sagte:“ Das ist eine Kartoffel. „ Wir alle lachten und ich begann damit die Kartoffeln mit den Händen aus dem Boden zu suchen und sie in den dafür vorgesehenen Korb zu legen, so wie es die anderen auch taten. Als dieser voll war schüttete ich ihn in den Hänger hinter einem Quad und das Ganze begann von vorn.
Nach etwa einer Stunde legten wir die erste Pause ein und Sepps Frau, nennen wir sie Klara, bot uns Kuchen und Getränke an. Ich nahm wie die anderen Männer (bis auf den jüngsten von ihnen, Sepp’s Sohn) ein Bier und auch das dazugereichte Stück Kuchen. Nach einem weiteren Stück Kuchen ging es dann weiter. Etwa eine dreiviertel Stunde später, war die Ernte, noch nicht die Arbeit, für den heutigen Tag erledigt und Klara spendierte noch eine weitere Runde Bier und Kuchen. Eigentlich trinke ich ja gar kein Bier, aber hier passte es irgendwie und nach vier Tagen Leitungswasser schmeckte es auch überraschend gut. Dann fuhr ich mit Klara zum Stall, wo sie ihre Milchkühe hatten (alles Bio) und wir holten Sepp dort ab und fuhren zu ihrem Haus. Dort angekommen rauchte ich eine Zigarette und versuchte kurz meiner Mama eine Mail zu schreiben um ihr mitzuteilen das ich Arbeit gefunden hatte. Doch siehe da, kein Internet. Das gut zehn MB große Foto von mir bei der Kartoffelernte würde also zunächst weiter lokal gespeichert bleiben. Auch die Telefon Verbindung war alles andere als gut. Zwar konnte ich alles was sie sagte sehr gut verstehen, doch andersherum funktionierte es scheinbar gar nicht.
Ein paar Minuten später fuhr ich mit Sepp nochmals zum Stall mit den Milchkühen. Er gab mir einen Overall und wir gingen zur Melkanlage. Hier habe ich, nachdem ich heute zum ersten Mal in meinem Leben Kartoffeln geerntet habe, nun auch zum ersten Mal in meinem Leben eine Kuh mit der Hand gemolken. Nachdem es die ersten Male irgendwie so überhaupt nicht klappen wollte, probierte ich es dennoch weiter und siehe da, eigentlich kinderleicht. Einfach nur richtig festhalten, ziehen und eh voila, Milch. Als nächstes zeigte Sepp mir noch wie ich die Pumpen, welche an die Zitzen gesteckt werden, mit einem, wie er mir erklärte etwas stärkerem Essig, einzusprühen hatte, damit beim melken keine Keime von einer Kuh auf die andere übertragen werden konnten. Nachdem wir mit dem Melken fertig waren, einen großen Bottich hatten wir extra gestellt, füllte Sepp etwas davon in eine Art überdimensionierte Babyflasche, gab sie mir in die Hand und sagte mir ich solle damit durch den Stall, den Teil der sauber war, da es keine Stiefel in meiner Größe gab, gehen und ihn auf der anderen Seite treffen. Dort durfte ich eins der Kälber mit der Flasche füttern. Richtig cool. Wer will das nicht mal machen. Bis hierher war es alles für mich weniger Arbeit und mehr ein Erlebnisurlaub auf dem Bauernhof und ich denke Sepp war dies auch vollkommen bewusst.
Am Abend, als wirklich alle Arbeit getan war, ging es dann wieder zurück zum Haus von Sepp und Klara, wo sie schon mit der Zubereitung des Abendessen befasst war. Zuerst gab es eine köstliche Tomatensuppe und später Auflauf mit Käse überbacken. Dazu noch zwei weitere Bier. Ein Festmal für mich, der seit nunmehr knapp vier Tagen nichts warmes mehr gegessen hatte. Noch während Sepp und ich bei den Kühen waren, hatte seine Frau sogar schon den Dachboden, welchen sie gerade am renovieren waren für mich vorbereitet. Genau genommen handelte es sich dabei um eine gar nicht mal so kleine Wohnung. Dusche, WC, ein ziemlich großes Schlafzimmer mit einem Bett doppelt so groß wir mein Zelt und noch einem weiteren Raum an welchem aber gerade noch gearbeitet wurde.
Alles in allem ein prima Tag. Morgen bekommen meine Gastgeber wie mir gesagt wurde noch weitere Gäste. Sieben an der Zahl. Ich wurde eingeladen mit ihnen zu essen und danach könnte ich machen was ich will. Ich denke ich werde mir ein wenig die Gegend ansehen, evtl meinen Blog am Rechner bearbeiten und dann mal sehen.
Ich muß wirklich sagen, ich habe selten oder gar noch nie so herzliche und gastfreundliche Menschen getroffen, die gleichermaßen so bodenständig und dennoch so weltoffen zugleich sind. Sepp war auch selbst Wanderer und war auch schon den Jakobsweg gelaufen.
Es war wirklich ein herrlicher Tag und ich denke ich werde sicher noch zwei oder drei Tage bleiben. Denn auch wenn das hier wirklich liebenswerte Menschen sind und sie mir angeboten haben ich könne so lange bleiben wie ich wolle, zieht es mich dann doch sicher weiter. Wir haben es jetzt 23:24uhr und ich freue mich auf die Nacht und die nächsten Tage.
Wie immer werde ich natürlich hier berichten, eine gute Nacht an alle die mir folgen und die besten Grüße aus einem schönen Ort in Belgien 😉,

 

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euer europa-blogger.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar.

  1. Hey Großer, spannende Lektüre. Freue mich für Dich. Bin gespannt auf den nächsten Eintrag. Liest sich gut!

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